Intimhörspiele - Porno im Ohr

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Genre

Wie kam es zu der seltsamen Vereinigung der Genres Hörspiel und Erotik? Erotik ist nunmal mediumübergreifend und allumfassend. Sie muss als Impulsgeber und Inspiration für eine Vielfalt an künstlerischen Ausdrucksformen gelten, vor allem bildende Kunst, Fotografie, Theater, Film und Fernsehen. Dass sie auch vor dem Medium "Hörspiel" nicht halt macht, war deshalb eine zwangsläufige Entwicklung. Der Rückzug aus diesem Medium ist aber schwerer zu verstehen.

Gesellschaftlicher Umbruch

Mitte der sechziger Jahre sieht die Gesellschaft einem grundlegenden Wandel entgegen. Die Studentenrevolution lehnt sich gegen jedwede Moralvorstellung der Generation ihrer Eltern auf. Neben politischer Neuregelung geht es auch um die Aufweichung der verhärteten Sexualmoral der Nachkriegsgeneration. Inspiriert vom "Summer of Love" in Amerika schart der Student Rainer Langhans in Berlin seine "Kommune 1" um sich (bekannte Mitglieder sind Fritz Teufel und Uschi Obermayer) und praktiziert öffentlich freie Liebe. So kommt es auch zur sexuellen Revolution.

Helga
Ausschnitt aus dem Aufklärungsfilm "Helga", der über 6 Millionen Zuschauer in die Kinos zog

In der Gesellschaft zeichnen sich allgemeine Tendenzen zur Liberalisierung des Sexuallebens ab. Die Antibabypille ist seit Anfang der sechziger Jahre erhältlich und trägt zum bewussteren und unbefangeneren Umgang mit der Sexualität bei. Und auch der Staat kann sich nicht weiter der zunehmenden Liberalisierung verschließen. Das noch von den Nazis erdachte Verbot der Werbung für Verhütungsmittel wird aufgehoben, und eine ganze Reihe von Novellen hält Einzug in die Gesetzgebung, vor allem im Sexualstrafrecht. Wichtigste Neuerung ist die Abschaffung der Strafbarkeit von Homosexualität und der sogenannte "Kuppelparagraph". Im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums werden seit 1967 Aufklärungsfilme gedreht (z.B. "Helga"). 1969 bringt die Bundesgesundheitsministerin Käthe Strobel den umstrittenen und damals von kirchlicher und konservativer Seite heftigst angefeindeten "Sexualkunde-Atlas" heraus.

Sex sells

Neben dem Neckermann- und dem Quelle-Katalog findet sich in so manchem Eiche-Rustikal-Wandschrank auch der Beate Uhse-Katalog und die Bestellisten des Orion-Versands. Selbstbewusste Bürger kaufen dort genauso selbstverständlich sogenannte "Intimhygiene-Artikel" wie Waschmaschinen, Kühlschränke oder Fernseher.

Oswalt Kolle
Oswalt Kolle, der Aufklärer der Nation

Die Medien erkennen schnell den Trend der Zeit: "Sex sells!" Die öffentliche Nacktheit ist allgegenwärtig, die sogenannte "Sexwelle" bricht los. Kaum ein Titelblatt der Illustrierten und Magazine der damaligen Zeit kommt noch ohne nackte Haut aus. In der Jugendzeitschrift Bravo hat seit Ende der sechziger Jahre "Dr. Jochen Sommer" bei der Sexualerziehung der Jugendlichen ein Wörtchen mitzureden. Oswalt Kolle wird mit seinen Büchern und Filmen zum Aufklärer einer ganzen Nation. Eine regelrechte Flut von Sexfilmchen entsteht, die unter dem Deckmantel der sexuellen Aufklärung ("Schulmädchen-Report") oder im Gewand von Heimatfilmen ("Liebesgrüße aus der Lederhose") daherkommen.

Auch vor dem Medium Hörspiel macht die Entwicklung nicht halt. Schon bald winken auch von den Titelfotos von Schallplatten und Cassetten barbusige Mädchen in anzüglichen Positionen. Oft sind auf den Covers auch nur der Titel und ein Hinweis auf das Verbot des Verkaufs an Jugendliche unter 18 Jahren (bzw. unter 21 Jahren) vermerkt.

Anonymität

Bedauerlicherweise gibt es nur sehr wenige Informationen zum Genre "Intimhörspiel". Dies liegt vor allem auch daran, dass weder die Labels oder Verlage noch das Produktionsteam auf den Platten genannt werden. Zu den Sprechern sind die Informationen noch dürftiger. Ein Grund dafür könnte sein, dass es sich bei einer derartigen Produktion immer noch um ein anstößiges Projekt handelte, auf dessen Cover man nur ungern den eigenen Namen erwähnt wissen wollte.

Oswalt Kolle: "Dein Mann, das unbekannte Wesen"
Kinoplakat zum Film "Dein Mann, das unbekannte Wesen" von Oswalt Kolle

Es ist auch möglich, dass die im Genre Kinder- und Jugendhörspiel erfolgreichen Verlage den Trend erkannten und unter dem Deckmantel eines anderen Labels Sexhörspiele produzierten, um nicht deswegen bei den Käufern (also den Eltern der jungen Hörer) in Verruf zu geraten. Sie befanden sich in einem Zwiespalt, denn einerseits wollten sie nicht ihre Stammkundschaft verlieren, andererseits aber neue Käufer im Erwachsenenbereich gewinnen. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass bekannte Hörspielsprecher von den neuen "Pornolabels" für ihre Produktionen angeworben wurden und deshalb oft in solchen Werken auftauchten.

Bedeutendester Grund dafür, dass sich die Labels im Verborgenen hielten, war wohl ihre Furcht vor einer Zensur durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Die meisten Hörspiele machen deshalb in Bezug auf Qualität des Covers und der Tonproduktion den Eindruck einer schmuddeligen Hinterhofproduktion, die unter der Hand in den Plattenläden verschoben wurde.

Auch im privaten Bereich gab es Liebhaber, die mit gehöriger Eigeninitiative vermeintlich anstößiges Material in kleinen bis winzigen Auflagen auf Vinyl pressen ließen.

Porno im Ohr

Intimhörspiele sind inhaltlich meist nicht besonders vielschichtig. Vordergründig werden belanglose Szenen des Alltags und Beziehungsproblematiken in (meist heterosexuellen) Partnerschaften behandelt. Diese dienen jedoch nur als Aufhänger, denn in der Hauptsache geht es eben vordergründig um "das Eine". Vergleichbar mit einem Pornofilm wird auch hier wie wild gerammelt, gestöhnt, gehechelt und mit obszönen Ausdrücken gearbeitet. Über die Zielgruppe dieser Hörspiele ist wenig bekannt. Einige wurden beim Beate Uhse-Versand vertrieben und fanden sich deshalb nur in den Katalogen und Sexshops wieder. Andere wurden in Cassettenform an Autobahnraststätten und Tankstellen verkauft, um dem einsamen Lastwagenfahrer die öde Tour zu versüßen.

Natürlich existieren auch anspruchsvollere Werke wie Erzählungen oder Geschichten aus der erotischen Literatur, die mit weniger Gestöhne auskommen und so eher das Ziel einer erotisch anmutenden Schallplatte erreichen. Dieses Ziel der erotisierenden Wirkung auf den Hörer wird aber oft aus dem Auge verloren. Entweder gewollt oder aus Mangel an thematischem Einfühlungsvermögen.



Humor ist, wenn man trotzdem fickt

Wie hätten sie´s denn diesmal gern?
Cover der Humor-Platte "Wie hätten sie´s denn diesmal gern?" Ein typischer Vertreter der sogenannten "Herrenabend-Platten"

Vorwiegend neigen die Produktionen jedoch zu unfreiwilliger Komik. Dies kann sicher auch daran liegen, dass mittlerer Weile zwischen Produktion und Hörerlebnis mehrere Jahrzehnte ins Land gezogen sind und sich schon allein die subjektive Definition von Erotik in dieser Zeit erheblich gewandelt hat. Wenn z.B. die Protagonistin mitten im Sexakt ihren Vibrator anwirft, der dann aufdringlich im Hintergrund wie ein Bienenschwarm summt und brummt, dann bewirkt dies vielmehr eine Erektion der Lachmuskeln, als anderer Körperteile.

Andere Hörspiele zielen auch direkt auf den schlüpfrigen Humor ihrer Hörer ab. Meist bei sogenannten "Herrenabenden", wo Damen und Jugendliche "nicht erwünscht" sind, werden schmutzige und meist frauenfeindliche Witze erzählt und Schwänke mit sexuellem Hintergrund zum Besten gegeben. Das Humorniveau bewegt sich dabei im unteren Bereich zwischen Gürtellinie und Zehen, Tendenz fallend.

Viele Produktionen befassen sich auch mit unanständigem Liedgut. Es erschienen ganze Serien mit ordinären Liedern, anrüchigen Chansons und Gassenhauern. Diese Erzeugnisse fallen mehr in die Rubrik Humor-, Kabarett- oder Chanson-Platte, da sie jedoch meist sexuellen oder erotischen Hintergrund haben und die Covergestaltung dementsprechend lüstern ausgefallen ist, werden sie auch hier genannt.



Dr. Sommer auf Vinyl

Eine eigene Unterrubrik im Genre "Intimhörspiel" bildet das sogenannte "Aufklärungs- oder Erziehungshörspiel". Inhaltlich geht es in diesen Produktionen weniger um den Geschlechtsverkehr an sich, sondern mehr um dessen Folgen. Höhere Absicht ist dabei die (hör)spielerische Aufklärung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Themen wie das "erste Mal", Verhütung, Schwangerschaft, Geschlechtskrankheiten und ähnliches werden behandelt und anhand von typischen Situationen oder Geschichten aus dem Alltag zu erklären versucht. Meist mit dem erhobenen Zeigefinger des Erziehungsberechtigten. Dies liegt vornehmlich daran, dass die Produktion oft in staatlichem oder auch kirchlichem Auftrag entstand.


Sex is sould out

Strip Poker
Ein Screenshot vom C64-Spiel "Strip-Poker" der Firma Artworx. Ein Mitverantwortlicher für die Verdrängung von Audioproduktionen.

Wahrscheinlich hatte schon Mitte der siebziger Jahre mit dem Abebben der Sexwelle die Produktion der Sexhörspiele ein Ende. Spätestens aber Anfang der achtziger Jahre, als auch die Lederhosen und Schulmädchenfilme niemanden mehr ins Bahnhofskino lockten.

Die Gründe dafür könnten vielfältiger Natur gewesen sein. Zum einen war es schwierig, ein wirklich erotisches Hörspiel zu produzieren. Die meisten bewegen sich doch eher zwischen anspruchslosem Trash und Hardcoreporno mit unfreiwilliger Komik. Zum anderen aber auch, weil einige Titel von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften vom Markt genommen wurden und so die Produktion grundsätzlich erschwert wurde. Zuletzt wohl einfach deshalb, weil die Kundschaft im allgemeinen etwa Mitte der achtziger Jahre das Interesse an Hörspielen verlor, zumal Medien wie der Videorekorder, Videospiele und später der Homecomputer Einzug in die Wohnzimmer hielten.

Trotzdem bleiben die vielfältigen Tonträger des Genres bis in die heutige Zeit erhalten und sind auf Flohmärkten und Internet-Auktionen weiterhin im Umlauf. Sie sind vinylgewordenes Zeugnis einer spannenden Trashkultur im Deutschland der Nachkriegszeit.



 
 

letzte Aktualisierung: 14. Juni 2005
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